Nord-Irland: Wer sind die wahren „Rowdys“?

Kommentar zum Standard, 16. August 2010

Am Montag, 16. August 2010, berichtete der Irland-Korrespondent Martin Alioth in der Wiener Tageszeitung Der Standard unter der Überschrift „Verletzte bei Anschlag in Nordirland“, sowie in einem nachstehenden Kommentar „Die Unbelehrbaren“ von den Protesten im Umfeld der sog. „marching season“, der loyalistischen Machtdemonstrationen durch irisch-nationalistische Wohngebiete in den Sommermonaten, sowie einem Anschlag in Lurgan, Co. Armagh.
Beim Anschlag, zu dem sich bis heute keine Gruppierung bekannte, wurden drei Kinder verletzt, so die Medienberichte. „Drei zufällig in der Gegend spielende Kinder wurden von Splittern verletzt. Die Sicherheitskräfte waren dabei, die Gegend nach einer Warnung zu räumen“, berichtet auch Der Standard.
Was geschah am davor gegangenen Wochenende in Lurgan? In einem Mistkübel kam es zu einer kleinen Explosion. Militante republikanische Gruppen wurden sofort beschuldigt. Eine beispiellose Medienkampagne der britischen Polizei PSNI begann, in der erklärt wurde, drei Kinder wurden verletzt, ja hätten gar sterben können. Anwohner berichteten dagegen, die Kinder würden lediglich „unter Schock“ stehen.

Rasch wurde betont, die Bombe sei „ohne Warnung“ explodiert, was von der Polizei aber wieder dementiert werden musste. Tatsächlich ging eine Telefonwarnung ein und die Polizei war am Ort des Geschehens und durchsuchte ein Gebiet um die Bahnstrecke der Zuglinie Dublin-Belfast.
Wieso es trotzdem möglich war, dass sich Zivilisten, vor allem Kinder, in dem Gebiet aufhalten konnten, wird von der Polizei nicht versucht zu erklären.
Ähnliche Fragen werden mit einem im Internet erschienen Video zur Autobombe in Derry aufgeworfen. Vergangene Woche explodierte eine rund 100kg schwere Autobombe vor einer Polizeistation in Derry, die republikanische Gruppe Oglaigh na hÉireann bekannte sich zu dem Anschlag. Ebenso erklärte die Polizei, die Bombe sei nach der Warnung zu rasch explodiert und hätte Zivilisten ermorden können.
Im Internet tauchte nun ein Video von einer Kamera einer gegenüber der Polizeistation sich befindenden Spielhalle auf. Das Video zeigt, dass noch 15 Minuten, nachdem die Telefonwarnung bei der Polizei einging, zivile Autos an der Autobombe vorbeifahren konnten. Im Bild ist ein Taxi zu erkennen, danach ein Fußgänger, der etwas mit sich trägt, was aussieht wie ein Pizzakarton.
Das Video, das vom Unternehmer Donal Doherty ins Internet gestellt wurde, wirft neuerdings ernsthafte Fragen auf, wie von der britischen Polizei auf Bombenwarnungen reagiert wird. Wird von der Polizei in Kauf genommen, dass Zivilisten zu Schaden kommen, um republikanische Gruppen zu beschuldigen? Meinungsmache auf Kosten unschuldiger Zivilisten?
Beide Orte, Lurgan und Derry, sind republikanische Hochburgen. Gerade in Kilwilkee, dem verarmten, irisch-nationalistischen Wohngebiet in Lurgan, ist die britische Polizei ein Feindbild, das nur zu sehen ist, um Häuser zu durchsuchen oder Personen zu verhaften.
Dementsprechend versucht die vor allem jugendliche Bevölkerung, die Polizei aus ihren Wohngebieten fern zu halten. Auch in der Nacht vor der Explosion der Bombe wurden wieder mehrere Polizisten von Molotowcocktails in Lurgan verletzt.
Alioth schreibt von „jugendlichen Rowdys“. Erinnern wir uns an das Vorgehen der britischen Polizei in der nahen Vergangenheit. Im Frühjahr 2009 wurde in Craigavon, nochmals im April 2010 in Armagh City, ganze irisch-nationalistische Wohngebiete eingekesselt, systematisch durchsucht und dutzende Personen verhaftet.
In Belfast wurden im März 2010 zwei Republikaner wegen Behinderung der Staatsgewalt angeklagt, da sie auf der Polizeistation ihre Namen in Irisch angaben.
Im Frühsommer 2009 wurde Kevin McDaid in Coleraine von einem loyalistischen Mob, mehrer UDA-Mitglieder zu Tode geprügelt, da er irische Fahnen in seiner Straße aufhängte. Wie Augenzeugen berichteten, wurde der Mord von der Polizei beobachtet, die nicht eingriff.
Am 12. Juli 2010 wurde der Nationalist Joe Brannery in Nord-Belfast mit Ziegeln beworfen und verprügelt. Ein 30-köpfiger loyalistischer Mob verfolgte ihn, als er eine Geburtstagsfeier verließ. Auch hier waren PSNI-Beamte am unteren Ende der Straße und griffen nicht ein.
Nur wenige Tage davor verlor ein 13-jähriges Mädchen mehrere Zähne, als sie von einem Ziegel getroffen wurde, der aus einem loyalistischen Viertel über eine der Trennungsmauern in Belfast in ein nationalistisches Wohngebiet geworfen wurde.
So soll also das „Arrangement, das mühselig in den letzten 17 Jahren aufgebaut wurde“, aussehen, mit dem sich laut Alioth die irischen Nationalisten abfinden sollen. Viel mehr muss sich nach den Vorfällen der Vergangenheit die Frage gestellt werden: Wer sind die wahren Rowdys?

Dieter Blumenfeld
Pressesprecher, Republican Sinn Féin – Büro für internationale Beziehungen

Wien, 20. August 2010

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