Dialektik der Revolution

Dialektisch gefasstes Widerspiegelungsprinzip bei Lenin und Revolutionstheorie als Wissenschaft

von Otto Finger

Wissenschaft hat ihren Angelpunkt, aus dem heraus sie praxiswirksam werden kann, objektive Vorgänge bewusst gestaltbar machen hilft, im begriffenen Gesetz. Wie jede andere wissenschaftliche Theorie muss die Theorie der Revolution zunächst dies leisten: die gesetzmäßigen Verhältnisse und gesetzmäßigen Prozesse erfassen, in denen Möglichkeit und Notwendigkeit der Revolution wurzeln. Von vornherein sei so dies festgehalten: Es ist eine Theorie, die darauf abzielt, das Handeln der Arbeiterklasse bewusst und organisiert auf das gesellschaftliche Gesetz der Überwindung des Kapitalismus zu orientieren. –

Die Theorie der Revolution ist jene entscheidende Seite der Marxschen Lehre, worin das für den alten Materialismus charakteristische Auseinander fallen von bewusstem, sachkundigem und auch insofern freiem Handeln des Menschen und dem objektiven Gesetz überwunden wird. Das ist aber nur die philosophische Seite der Sache.

Sie bildet ab – und prognostiziert bei Marx und Engels schon in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts –, was in der revolutionären Praxis des Proletariats selbst objektiv vorliegt: das Ändern der Umstände gemäß begriffenem Gesetz. Das Gesetz hört damit nicht auf, objektiv zu sein, es wird darum nicht etwa „gemacht“, aus dem Begriff erzeugt, durch Bewusstsein gesetzt. Bewusst geworden setzt es sich vielmehr gründlicher, massenhafter durch. Alle sozialistischen Revolutionen bestätigen dies: Der rote Oktober des Jahres 1917 hat die gründlichste, die größten Massen in revolutionäre Bewegung versetzende Umwälzung der Menschheitsgeschichte eingeleitet. Und er konnte es auch, weil die Partei der Bolschewiki und, ihrem Vorbild folgend, die übrigen marxistisch-leninistischen Parteien die Arbeiterklasse und zunehmend die mit ihnen verbündeten werktätigen Massen – in einen langwierigen, kampferfüllten Prozess gegnerische, reformerische und antirevolutionäre Ideologien keineswegs mit einem Schlage, sondern nur Stück für Stück aus dem Felde schlagend [?*] – mit Bewusstheit ausrüsten [?*], d. h. mit dem wissenschaftlichen Bewusstsein von Gesetz, Weg und Ziel der Bewegung [?*].


Gleichwohl hat damit das Bewusstsein, auch das wissenschaftlich-sozialistische und das kritisch-revolutionäre Bewusstsein nicht aufgehört, eine abgeleitete Größe zu sein, erzeugt aus dem wirklichen sozialen Lebensprozess, von ihm bestimmt, mit ihm sich wandelnd. Die Theorie der Revolution, ihr Entwicklungsprozess aus den abstrakten Anfängen solcher Marxscher Prinzipien wie der „menschlichen Emanzipation“ bis hin zur detaillierten ökonomischen Begründung im „Kapital“ und schließlich der Leninschen Weiterentwicklung im Gefolge der Imperialismusanalyse ist ein Musterbeispiel für den lebensverbundenen Antidogmatismus [- ? -] des marxistisch-leninistischen Weltbildes der Arbeiterklasse. –

Auch in der Revolution, in der sozialistischen Praxis und in ihrer wissenschaftlichen Theorie werden Denken und Sein nicht etwa identisch. Marxistisch-leninistische Philosophie ist keine hegelianisierende Identitätsphilosophie [!*]. Zwischen Theorie und Praxis bleibt auch in puncto Revolution stets ein dialektisches Spannungsverhältnis. Die „Algebra der Revolution“ ist komplizierter als das Einmaleins. Ihre Begründung beginnt mit der dialektischen Analyse des Kapitalismus, dem Aufweis der objektiven, für das Proletariat unerträglichen Widerspruchsverhältnisse. –

Aber weder auf dieser Stufe noch an irgendeinem späteren Punkt kann es sich um mehr handeln als eine Annäherung des revolutionär-kritischen Denkens an die objektiven Bedingungen, Gesetzmäßigkeiten und subjektiven Faktoren des praktisch-revolutionären Prozesses. –

Die Theorie der Revolution kann keine Wunder vollbringen; aus ihren Sätzen lassen sich revolutionäre Ereignisse nicht ableiten wie die deduktiven Folgerungen aus einem aristotelischen Syllogismus. Sie ist kein Schema, das, einmal entdeckt, nur mehr auf die gesellschaftliche Praxis aufgepasst zu werden brauchte, um beides zu leisten, die Revolution zu machen und ihren Verlauf in der Weise einer mathematischen Funktion aus vorgegebenen Größen vorhersagen zu können. –

Vielmehr ist sie wie jede wissenschaftliche Theorie, die es mit dem wirklichen Entwicklungsprozess in Natur und Gesellschaft zu tun hat, eine Anleitung zum Handeln, keine theologische Dogmensammlung. Dies vergessen hieße den lebendigen Keimen der frühmarxistischen Revolutionstheorie den Todesstoß versetzen. Sie würden unbrauchbar, gerade durch eine solche Aufblähung zu ewigen Wahrheiten.

Auch für das Abbild und die gedankliche Vorwegnahmen der objektiven Dialektik der Revolution in Gestalt der materialistischen-dialektischen Theorie der Revolution gilt, was Lenin für das Verhältnis von Erkenntnis und Wirklichkeit sowie für das Verhältnis von absoluter und relativer Wahrheit allgemein betont hat:

Vom Standpunkt des modernen Materialismus, d. h. des Marxismus, sind die Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an die objektive, absolute Wahrheit geschichtlich bedingt, unbedingt aber ist die Existenz dieser Wahrheit selbst, unbedingt ist, dass wir uns ihr nähern. Geschichtlich bedingt nsind die Konturen des Bildes, unbedingt aber ist, dass dieses Bild ein objektiv existierendes Modell wiedergibt … Kurzum, geschichtlich bedingt ist jede Ideologie, unbedingt aber ist, dass jeder wissenschaftlichen Ideologie (zum Unterschied beispielsweise von der religiösen) die objektive Wahrheit, die absolute Natur entspricht. Ihr werdet sagen: Diese Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Wahrheit ist unbestimmt. Ich antworte darauf: Sie ist gerade ,unbestimmt’ genug, um die Verwandlung der Wissenschaft in ein Dogma im schlechten Sinne des Wortes, d. h. in etwas Totes, Erstarrtes, Verknöchertes zu verhindern, sie ist aber zugleich ,bestimmt’ genug, um sich auf das entschiedenste und unwiderruflichste vom Fideismus und vom Agnostizismus, vom philosophischen Idealismus und von der Sophistik der Anhänger Kants und Humes abzugrenzen.“ [1/25]

Für die historisch-kritische, lebensverbundene und politisch effektive Aneignung auch der dialektischen Grundideen der Marxschen Revolutionstheorie in der Periode ihrer Herausbildung ist der zitierte Leninsche Standpunkt unabdingbar. Es ist also – beim Studium der Ideen der dialektischen Revolutionstheorie in den „ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ ebenso wie bei der „Deutschen Ideologie“ oder dem „Elend der Philosophie“ und dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ – das folgende zu beachten:

Diese Ideen sind stets an einen historisch bestimmten objektiven Entwicklungsstand des Klassenkampfes zwischen Kapital und Arbeit, des Erwachens des Proletariats zur kämpfenden Klasse, der Entfaltung der inneren Widersprüche des Kapitalismus, gebunden sowie an den konkreten Entwicklungsstand des Ganzen der marxistischen Theorie. Ihr Entwicklungsprozess ist ein Vorgang des stufenweisen Überschreitens gegebener praktischer und theoretischer Grenzen. Die Betonung des Ganzen der Theorie erfolgt deshalb, weil jeder Erkenntnisfortschritt in der Revolutionstheorie mit allen übrigen Bestandteilen und Seiten der Weltanschauung vielfältig verbunden ist. Selbstredend auch mit der Gründlichkeit und Konsequenz der Marxschen und Engelsschen Kritik des vorgefundenen Gedankenmaterials und des zeitgenössischen bürgerlich-kritischen, kleinbürgerlich-utopischen sowie reaktionär-apologetischen Denkens. Wir haben es zu tun mit einem Fortschritt gegen dieses Denken und vermittels der kämpferischen, proletarisch-parteilichen Auseinandersetzung mit ihm.

Sind dergestalt die Grenzen der Annäherung auch der Revolutionstheorie in der Phase der Herausbildung des Marxismus geschichtlich bedingt, so gilt auch für sie unbedingt, dass in ihr das Denken sich der objektiven Wahrheit annähert, dass in ihr ein objektiv notwendiger Prozess widergespiegelt wird.

Bereits die Periode der Herausbildung des Marxismus, eingeschlossen das Frühwerk von Marx und Engels, enthalten eine ganze Serie praktisch bestätigter Aussagen. Beispielsweise die These von der notwendigen Polarisierung der bürgerlichen Gesellschaft in kapitalistische Großeigentümer auf der einen und vom Eigentum an Produktionsmitteln ausgeschlossenen Proletarier auf der anderen Seite.

Ferner gilt für die Theorie der sozialistischen Revolution, dass auch in ihrem Rahmen die Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Wahrheit „unbestimmt“ genug ist, um ihre Verwandlung in ein starres Dogma zu verhüten. Unter anderem bedeutet dies: Die Exaktheit der revolutionstheoretischen Aussagen, ihre Annäherung an die absolute Wahrheit, an die vollständige, erschöpfende theoretische Erfassung des revolutionäres Prozesses, nimmt im Verlaufe der Entwicklung der revolutionären Theorie und der revolutionären Praxis zu. Gleichwohl wäre es verfehlt, einen bestimmten Punkt angegeben zu wollen, von dem an sozusagen der Kreis der revolutionstheoretischen Aussagen geschlossen, die ganze Weisheit der Revolution entdeckt, die absolute Wahrheit über sie erworben wäre. Einen solchen geschlossenen Kreis und ein derartiges Absolutum kann es hier nicht geben: Der praktische revolutionäre Prozess selbst, die gesellschaftliche Entwicklung fügt zum Bekannten stets noch nicht Bekanntes, Neues, der theoretischen Erkenntnis Bedürftiges zu. Auch treten Prozesse ein – etwa mit dem Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Imperialismus, mit dem Zusammenbruch des Kolonialsystems, der Entstehung des sozialistischen Weltsystems –, die nicht bloß Präzisierungen alter Thesen, sondern auch Korrekturen und die Entwicklung neuer Leitsätze für den revolutionären Prozess erfordern. Eine solche einschneidende Korrektur nahm Lenin mit der These vor, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in einigen oder gar in einem für sich genommenen Lande möglich sei. Die Zunahme an Genauigkeit lässt sich auch für die revolutionstheoretische Seite des Marxismus nachweisen als ein Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten, genauer: vom philosophisch Allgemeinen zum politisch Konkreten. Auch hierfür ein Beispiel: In den „Manuskripten“ spricht Marx höchst allgemein von der politischen Arbeiteremanzipation, worin die Aufhebung der Entfremdung der Arbeit sich notwendig aussprechen müsse. Im „Kommunistischen Manifest“ heißt es demgegenüber politisch viel konkreter, dass das Proletariat die politische Macht erobern, sich als herrschende Klasse organisieren müsse, um mittels dieser politischen Herrschaft der Bourgeoisie Schritt für Schritt das Kapital zu entreißen, die Produktionsmittel zu vergesellschaften und den neuen, sozialistischen Lebensprozess planvoll zu verwirklichen.

Allerdings entwickelt sich diese marxistisch-leninistische Lehre von der sozialistischen Revolution keineswegs theoretisch voraussetzungslos. Vielmehr hat sie ein Fundament solcher grundlegenden Einsichten und Leitsätze, die sich in aller Praxis und bei allem weiteren Erkenntnisfortschritt als gültig, als wissenschaftlich richtig und als ideologisch revolutionär mobilisierende erwiesen haben. Unter ihnen finden sich eine Menge hochwichtiger dialektischer Thesen, die schon in der Periode von 1843 bis 1847 begründet wurden. Sie gehören im Leninschen Sinne zu der „Trennungslinie zwischen dialektischem Materialismus und Relativismus.“ [2/26] Sie sind unabdingbar, um den revolutionärkritischen Kern des Marxismus gegen jeden Opportunismus und Revisionismus, gegen alle reformsozialistische Demagogie des Sozialdemokratismus, gegen jede ultralinke Phraseologie des Anarchismus, auch gegen die ganze dem Marxismus-Leninismus feindliche, scheinrevolutionäre Linie des zeitgenössischen Trotzkismus und Maoismus abzugrenzen.«

Anmerkungen

1/25 W. I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, in Werke, Bd. 14, Berlin 1962, S. 130 f.

2/26 Ebenda, S. 131.

Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution als materialistisch-dialektischer Entwicklungstheorie und zur Kritik gegenrevolutionärer Ideologien der Gegenwart. Autor: Otto Finger. Vgl.: 5.6. Dialektisch gefasstes Widerspiegelungsprinzip bei Lenin und Revolutionstheorie als Wissenschaft, in: 5. Kapitel: Dialektik der Revolution.

02.07.2012, Reinhold Schramm (Bereitstellung)

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