Dialektik der Revolution

Idealistische und materialistische Dialektik und die heutige Anti-Dialektik

von Otto Finger

Der Zusammenhang zwischen dialektischem Denken und gesellschaftlicher Revolution besteht nicht erst seit Marx. Die nach einem Leninwort [1] wichtigste unter den theoretischen Errungenschaften der klassischen deutschen Philosophie, die Dialektik, ist in ihrer allgemeinsten sozialpolitischen Grundlage unauflöslich mit der Französischen Revolution von 1789 verbunden. Das dialektische Denken bei Kant und Fichte, vor allem aber seine vor Marx höchste Entfaltung bei Hegel wurzeln in der objektiven Dialektik der Epoche des Aufstiegs der Bourgeoisie, insbesondere in der radikalsten politischen Umwälzung des 18. Jhs., der Machtergreifung der französischen Bourgeoisie.

Hegels Dialektik widerspiegelt dieses politische Grundereignis und den ökonomischen Hauptvorgang der Epoche, die industrielle Revolution in England vom Standpunkt eines ökonomisch noch schwachen, politisch ohnmächtigen deutschen Bürgertums notwendig verkehrt, nämlich idealistisch. Diese folgenreichen sozialökonomischen und politischen Umschlagpunkte spiegeln sich hier freilich nicht bloß darum in der spekulativ-idealistischen Gestalt einer dialektischen Entwicklungsgeschichte des Begriffs, weil die deutsche Bourgeoisie, zur praktisch-politischen Revolution unfähig, die stattgehabte Umwälzung Frankreichs nur in der Form des Gedankens nachvollziehen konnte, nur im Höhenflug der dialektischen Begriffsentwicklung über die feudalen Verhältnisse hinauskam. Der Klasseninhalt dieser revolutionären Prozesse selbst, die Durchsetzung des ökonomischen Lebensinteresses der Kapitalistenklasse, die Errichtung der politischen Herrschaft der Bourgeoisie, diese Inhalte selbst schlossen eine andere als idealistische philosophische Verallgemeinerung aus.

Wie es notwendigerweise zur idealistischen Mystifikation aller vorsozialistischen, speziell aber der Geschichte der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft kommt, haben Marx und Engels erstmalig in der „Deutschen Ideologie“ gezeigt. Hegels Dialektik fällt durchaus unter jene Mechanismen der Produktion falschen gesellschaftlichen Bewusstseins, in deren Gefolge, wie Marx und Engels sagen, die „Oberherrlichkeit des Geistes“ in der Geschichte nachgewiesen wird. Hegels Dialektik erweist sich als ein historisch konkretes Stück bürgerlicher Ideologieentwicklung. Sie ist gerade in ihrem geschichtsphilosophischen Idealismus, in ihrer Verkehrung der wirklichen Produktionstätigkeit und der Geschichte der materiellen Produktion eine Geschichte der geistigen Produktion, sie ist in diesem auf die spekulative Spitze getriebenen Geschichtsidealismus ein philosophiescher Ausdruck des gesellschaftlichen Bewusstseins der bürgerlichen Klasse.

Gerade sofern diese Klasse die geschichtlich umfassendste und brutalste, allerdings auch letzte Stufe der Ausbeutung der materiellen Produktionstätigkeit, die Arbeit der zahlreichsten und entwickeltsten aller unterdrückten Klassen zur Lebensgrundlage hat. –

Ihre eigene bürgerliche Lebenstätigkeit besteht wesentlich in nichts anderem, als eben diese Ausbeutung zu organisieren und zu lenken. Gerade weil dies die Lebensstellung und den antagonistischen Gegensatz der Bourgeoisie zum Proletariat ausmacht, wird im geschichtsphilosophischen Bewusstsein dieser Klasse die idealistische Antwort auf die Grundfrage der Philosophie, die Behauptung des Vorrangs des Geistes vor der Materie in der umfassendsten und rigorosesten Weise ausgesprochen.

Genau diesen sozialen und politischen Sinn bekommt nunmehr die idealistische Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein: Die Welt, in der die Bourgeoisie herrscht, ist richtige und endgültige Weltordnung, ihre Herrschaft über das Proletariat wird als der vollkommenste und rechtmäßigste Vorrang des Geistes vor der Materie angeschaut. –

Mit der Vereinfachung und Polarisierung der Klassengegensätze in den alles durchdringenden – eben auch die philosophische Entwicklung vollständig beherrschenden – Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, geschieht auch die Zuspitzung des Gegensatzes von Idealismus und Materialismus. Und zwar gerade deshalb, weil er nunmehr zum weltgeschichtlich letzten philosophischen Ausdruck des Gegensatzes von Ausbeutern und Ausgebeuteten wird. –

So wie sich der Idealismus mit dem politischen Herrschaftsantritt der Bourgeoisie immer deutlicher als ein ideologisches Instrument der Verschleierung, der Rechtfertigung, der Sicherung dieser Herrschaft formiert, bildet sich mit dem Aufstieg der proletarischen Klasse zur revolutionär kämpfenden Klasse der Materialismus immer umfassender als ein ideologisches Instrument der Entlarvung, der Verurteilung, der Kritik der bürgerlichen Verhältnisse heraus. Er hat fortan sein politisches Zentrum in nichts anderem als in der Begründung der Gesetzmäßigkeit der sozialistischen Revolution und der welthistorischen Rolle der Arbeiterklasse als der Erbauerin des Kommunismus.

Der Materialismus begreift nunmehr die objektive Dialektik des Geschichtsprozesses, insbesondere aber die objektive Dialektik des revolutionären Klassenkampfes der Arbeiterklasse ein. Ferner: Die materialistische Philosophie kann diese objektive Dialektik nur deshalb abbilden, sich zum dialektischen Materialismus entwickeln, weil sie und sofern sie die Partei jener gesellschaftlichen Kraft ergreift, von deren revolutionärem Handeln die objektive Dialektik des Geschichtsprozesses zunehmend geprägt wird.

Die Theorie der sozialistischen Revolution bildet sich in ihrer bestimmenden philosophischen und ideologischen Qualität auf diesem Fundament heraus: Vereinigung von Materialismus mit proletarischer Parteilichkeit erzeugt Dialektik als ebenso wissenschaftliche wie revolutionäre und revolutionierende Denkweise.

Keimhaft begegnete uns diese Verschmelzung von Materialismus und Dialektik schon in Marx’ „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, also jenem Dokument, worin Marx erstmalig die welthistorische Mission der Arbeiterklasse begründet. [2]

Die dialektische Denkweise ist wissenschaftlich, sofern sie den wirklichen objektiven Gesetzen der Geschichte auf die Spur kommt, Gesetzen des Wirkens von Widersprüchen in der Natur und der Gesellschaft, Gesetzen der fortschreitenden Bewegung vom Niederen zum Höheren, der Ablösung des Alten durch Neues, Gesetzen des Entstehens, der Entwicklung und des Untergangs gesellschaftlicher Produktionsweisen, Gesetzen schließlich des revolutionären Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus. Sie ist revolutionär, weil sie diese Gesetze als Gesetze des Handelns der Menschen begreift und sich selbst als eine theoretische Waffe der revolutionär handelnden Arbeiterklasse. Sie ist revolutionierend, weil sie von Anbeginn als sozialistische Ideologie ihre Wirksamkeit entfaltet: Indem sie der Arbeiterklasse ihre weltgeschichtliche Stellung, die Möglichkeit und Notwendigkeit ihres revolutionären Handelns ins Bewusstsein hebt, indem sie von den Massen der Arbeiter ergriffen wird, verwandelt sie sich selbst in eine revolutionäre Gewalt.

Die Betonung dieser den innersten weltanschaulichen Kern des Marxismus-Leninismus ausmachenden Dreieinigkeit von proletarischem Klassenstandpunkt, Materialismus und Dialektik geschieht hier deshalb, weil sich alle imperialistischen, opportunistischen und revisionistischen Angriffe auf die Revolutionstheorie der Arbeiterklasse nach einer allgemeinen philosophischen und ideologischen Seite hin als Versuch zusammenfassen lassen, diese Einheit aufzubrechen. Der Dialektik wird dabei häufig die Rolle zugewiesen, das vorgeblich Metaphysische des Materialismus und das vorgeblich „Veraltete“ des proletarischen Klassenstandpunktes zu erweisen.

Moderne Revisionisten spielen sich dabei ebenso wie bürgerliche Marxologen gern als Gralshüter der Dialektik auf. Sie beanspruchen, sie vor Engelsscher „Vereinfachung“, vor Leninschem „Voluntarismus“, vor sowjetischer „Orthodoxie“ zu bewahren. Noch immer ist es dabei ein modisches antimarxistisches Geschäft, die vorgeblich „authentische“ Marxsche Dialektik, eine Dialektik „kritischer Methode“, eine Dialektik der „Entfremdung“, der „Subjektivität“ der Praxis usf. zu diskutieren. Mit einem wesentlichem Effekt: Die entscheidenden revolutionären Seiten dieser Dialektik auszumerzen. –

Marx’ Dialektik erfreut sich so bei einem Teil der marxologischen Autoren der vielfältigsten „Rezeptionen“: bald soll es die Wiederherstellung der „eigentlichen“ Marxschen Dialektik , bald deren „moderne“ Interpretation und Umdeutung sein. Ein anderer Teil der bürgerlichen „Marxkenner“ will gar dialektisch über die Marxsche Dialektik hinaus, also kein „Zurück“ zum „authentischen“ Marx, sondern gemäß einer revisionistischen Forderung Karl Korschs und einem ebenso eitlen wie dummen Blochwort „Mit Marx über Marx hinaus“.

Die einen – wenn man so will die „Orthodoxen“, sofern sie den verlogenen Anspruch erheben, auf die „wahre Lehre“ von Marx zurückzugehen – wie die anderen – sagen wir die „Modernisten“, sofern sie in einer ebenso verlogenen Weise beanspruchen, „moderne“ Fragen aufzuwerfen –, die einen wie die anderen landen im besten Falle bei Hegel. Weit häufiger aber stehen sie unendlich tief unter dem theoretischen Niveau Marx’ und Hegels. Was zustande kommt, ist eine eklektische Vermengung von Bruchstücken Marxscher, Hegelscher, junghegelianischer Philosophie. Dialektik entartet zum philosophischen Geschwätz. –

Von der materialistischen Grundlage und dem Klassenstandpunkt des Proletariats getrennt wird diese Pseudodialektik allerdings auch gerade in der populären Form solchen Philosophierens – ganz ähnlich wie das auf den ersten Blick so plausible anthropologische Gerede von der Natur des Menschen – antirevolutionär, antisowjetisch und antikommunistisch eingesetzt

Anmerkungen

1 Vgl. W. I. Lenin, Erster Gesamtrussischer Kongress der Sowjets, in: Werke, Bd. 25, Berlin 1960, S. 11 f.

2 Vgl. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, Berlin 1956, S. 391.

Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie zur Herausbildung der marxistisch-leninistischen Theorie der Revolution als materialistisch-dialektischer Entwicklungstheorie und zur Kritik gegenrevolutionärer Ideologien der Gegenwart. Autor: Otto Finger. Vgl.: 5.1. Idealistische und materialistische Dialektik und die heutige Anti-Dialektik, in: 5. Kapitel: Dialektik der Revolution.

28.06.2012, Reinhold Schramm (Bereitstellung)

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