Inzwischen liegt das Massaker von Odessa drei Jahre zurück. Drei Jahre, in denen sich Europa spaltete in einen Teil, der davon weiß, und einen Teil, dem es bis heute verschwiegen wird.
Am 2.Mai 2014 gab es noch keinen Krieg in der Ukraine, aber der 2.Mai ist der Tag, an dem ein Bruch stattfand, der weit über die Ukraine hinausreicht.
 
Es waren Tausende, Zehntausende, die die Ereignisse live mitverfolgten. Die sahen, wie aus den Reihen der Nazis die Brandsätze flogen, wie Menschen, die sich vor dem Feuer aus dem Fenster stürzten, hinter dem Gewerkschaftshaus erschlagen wurden, wie die Sturmtrupps der Faschisten Türen eintraten, Menschen durch die Gänge zerrten, wie nach dem Erlöschen des Brandes in der Kleidung der Toten nach Handys und Notizbüchern gesucht wurde. „Sind das unsere?“ lautete die Frage in dem Chat, der den über die Krim betriebenen Livestream begleitete, und der Moderator antwortete knapp: „Das sind die Nazis, alle Streams sind von den Nazis.“
 
Alle Streams sind von den Nazis… die Aufnahmen vor dem brennenden Gewerkschaftshaus, auf der eine „Heil der Ukraine“ brüllende Menge den Brand bejubelt.. die ersten Aufnahmen der Toten… die Aufnahmen, auf denen der Anführer der Maidan-Truppen seine Pistole auf ein Fenster des Gewerkschaftshauses richtet, in dem ein Kopf zu sehen ist… all diese Aufnahmen wurden aus Stolz auf die vollbrachten Taten gemacht und im Netz verbreitet (und zum Glück schnell gesichert, ehe sie wieder gelöscht werden konnten). Eitle Brutalität.
 
Es gibt keine menschliche Untat in der Geschichte, die so gut dokumentiert ist wie das Massaker von Odessa. Bei der es so schnell, einfach und unverfälscht ersichtlich ist, wer hier ein Verbrechen begangen hat und wer die Opfer waren. Es gibt hunderte Stunden Material, alles aus dem Livestream, also einer der wenigen Bildformen, die noch nicht verfälscht werden können. Es ist nicht schwer, zu überprüfen, ob die Aufnahmen auf den Videos und jene auf den später aufgenommenen Fotos übereinstimmen. Odessa ist nicht der Reichstagsbrand. Und dennoch kommt die Deutsche Welle in dem einzigen Artikel, der sich überhaupt diesem Jahrestag widmet, auf den Titel „Bis heute nicht aufgeklärt“. Nein, liebe Freunde von der Mainstreampresse, aufgeklärt ist vieles. „Bis heute nicht geahndet“, hätte die Schlagzeile lauten müssen.
 
Da verwundert es nicht, wenn der örtlichen Chefin der blutbesudelten Nazibande „Rechter Sektor“ das in diesem Falle völlig verharmlosende Etikett „Nationalistin“ angeheftet wird. „Die 26-jährige Juristin hat damals an den Straßenkämpfen teilgenommen“, umschreibt die Deutsche Welle vornehm ihre Beteiligung an den Verbrechen. „Straßenkämpfe“; wie in Oradour oder Kalavrita.
 
Wie wären die letzten drei Jahre verlaufen, hätte es das schändliche Schweigen des 3.Mai 2014 nicht gegeben? Wäre das Märchen von den „proeuropäischen demokratischen Kräfte“ von den Bildern durchbrochen worden, die ich damals im Netz sah, aber nicht in den Nachrichten? Der Krieg im Donbass hätte nie begonnen.
 
Es gibt Bilder, die vergisst man nicht. Die für jene, die sie gesehen haben, die Wirklichkeit dauerhaft verändern. Die eine Aufgabe stellen, eine Verpflichtung auferlegen.
 
In Interviews mit Kämpfern im Donbass findet sich immer wieder: „Nach dem 2. Mai in Odessa“…
 
 
 
All jene, die das Schrecklichste erwarten , sei es durch den FN in Frankreich oder hier durch die AfD, die davon tönen, man müsse Europa retten – schat hin, es ist schon längst da, das Schrecklichste, finanziert mit euren Steuern, mit dem Segen eurer Regierung, ihr könnt es euch ansehen, stundenlang, bis euch der Atem stockt, es hat sich in seiner ganzen Scheußlichkeit zu erkennen gegeben, ihr wisst nur nichts davon und wollt nichts davon wissen. Am 2. Mai 2014 in Odessa.
 
Ja, auch dieses Ereignis hat viele Aspekte. Den der geopolitischen Provokation beispielsweise: ein Versuch, Russland zu einem Eingreifen zu nötigen. Den eines zutiefst rassistischen Blickwinkels, der sich dadurch offenbart, dass dieses Ereignis hier eben keine Sondersendungen wert war. Und jetzt in den Abgründen des kurzen politischen Gedächtnisses verschwinden soll.
 
Die Skrupellosigkeit, mit der die übelsten Gespenster deutscher Vergangenheit heraufbeschworen werden (und die Anhänger Banderas sind ein Gespenst der deutschen Vergangenheit), um den Machtbereich des Westens weiter auszudehnen. Die tiefe Entmenschlichung einer Gesellschaft, die einen solchen jubelnden Mob, wie er vor dem Gewerkschaftshaus stand, erst möglich macht…
 
Es ist überfällig, dass davon gesprochen wird, von jenem 2. Mai 2014 in Odessa. Dass all jene, die ihn organisiert, betrieben, gedeckt und verschwiegen haben, als die Verbrecher benannt werden, die sie sind. An deren Händen nicht nur der Ruß von den Wänden des Gewerkschaftshauses klebt, sondern auch das ganze Blut, das in drei Jahren Krieg im Donbass vergossen wurde.
 
Denn es ist keine Lappalie. So unsichtbar die Ereignisse jenes Tages hier sind (in Westeuropa erwähnten fast nur Sputnik und RT den Jahrestag), so sichtbar, präsent und weitreichend sind sie auf der anderen Seite der von der NATO gezogenen Front. Eine Wiederherstellung friedlicher Nachbarschaft mit Russland (zugegeben, noch ein Wunschbild) hätte zur Voraussetzung, dass der Bruch geheilt wird, der an diesem Tag entstand; dass der Westen wahrnimmt, was geschehen ist, in seiner ganzen erschütternden historischen Qualität, und Abbitte leistet für sein schändliches Schweigen.
 
Bis dahin bleibt es die Pflicht all jener, die gesehen haben, immer wieder daran zu erinnern.