Grußbotschaft zum 31. Treffen der Grenztruppen der DDR

Das Wort Grenze ist, spätestens wenn es um die Grenze zwischen zwei deutschen Staaten geht, ein schreckliches. Eine permanente Moralpredigt heftet ihm etwas Gewalttätiges, Trennendes, Verächtliches an. Doch im selben Atemzug lässt dieses Land an den europäischen Außengrenzen Menschen sterben und schinden, täglich und tausendfach. Und Grenzen gegen Menschen, die vor Krieg und Hunger fliehen, in Sehnsucht nach einem besseren Leben, können derzeit, geht es nach diesem Staat und seinen rechten Schreihälsen, nicht hoch genug befestigt werden, solange sie nur den Kapitalfluss nicht behindern.
Das Wort Waffengewalt ist ähnlich geahndet, spätestens wenn es um die Waffengewalt an der Grenze der DDR geht. Da ist viel Gerede von Freiheit und Gewaltlosigkeit, denn Krieg machen immer nur die Anderen, und die BRD hilft lediglich weltweit dem Frieden zum Durchbruch. Ehrliche Makler unter Schwarz-Rot-Gold. Doch im selben Atemzug erreicht der Umbau der Bundeswehr zur Hightech-Angriffsarmee Phase um Phase, kippt Richtlinie um Richtlinie, die den deutschen Militarismus nach dem zweiten Weltkrieg in die Schranken wies. Und überall hin, wo es die Rendite lohnt, exportiert der Weltmeister Großdeutschland Hass, Missgunst und vor allem Waffen. Die Trümmer Belgrads sind nach der letzten deutschen Bombardierung 1999 noch nicht geräumt, da schreit es nach militärisch gesichertem Zugang zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt. Die Antragsteller sind jene Banken und Konzerne, jene Siemens, Daimler und Deutsche Bank, die das letzte Inferno auf dem deutschen Sonderweg sponserten. Taten folgten: Heute steht die Bundeswehr dort, wo die Wehrmacht immer stehen wollte.
Achtet nicht auf das, was sie sagen, achtet auf das, was sie tun. Was »Grenzen« und »Waffengewalt« anbelangt, zählen letztlich die Taten, nicht die Worte. Wenn Grenzen sich den Kriegstreibern entgegenstellen, die die Welt in rentabel und wertlos sortieren und Faschisten und Kriegsverbrecher in Amt und Würden bringen, wenn Grenzen Versuche beschützen, sich der größten Geißel der Menschheit, dem Imperialismus, entgegenzustellen, dann haben Grenzen etwas Verbindendes, dann können sie Leitplanken einer neuen Zeit sein. Wenn das Alte die Worte »Bis hierher und nicht weiter« nur in der Sprache versteht, die aus Gewehrläufen kommt, dann ist Waffengewalt jene, die sich dem Krieg entgegenstellt, dann ist sie die Waffengewalt des Neuen. Die Grenze der DDR war solch eine besondere Grenze, die Waffengewalt der Grenztruppen der DDR war solch eine besondere Waffengewalt. Ein Dienst, der Dienst an dem Versuch war, dem Frieden die Freiheit zu geben, in dem denen die Freiheit beschnitten wird, die uns friedlos machen bis heute. Dieser Dienst war nicht nur einer für die DDR. Er war auch ein Stück Teamwork in einem Verteidigungsvertragssystem, das letztlich für die friedlichste Epoche der Menschheit sorgte und das all jene, die überall auf der Welt gegen Kolonialismus und Ausbeutung kämpften, entlastete, ihnen den Rücken freihielt, eine bessere Ausgangsbasis verschaffte.
Vielleicht war es nicht oft zu spüren, wenn ihr Nacht um Nacht im Graben lagt, in Wetter und Hitze Ausschau hieltet und zum Glück meistens nichts zu melden war, die Stunden und Kilometer im Dienst nicht enden wollten und in höchster Anspannung manchmal dann doch nichts weiter blieb, als den Worten »Bis hierher und nicht weiter« Taten folgen zu lassen – ihr habt Millionen Menschen in Ost und West, habt unserer Kindheit, unseren Eltern durch Stunde um Stunde der Pflichterfüllung das wohl größte Geschenk gemacht, das ein Mensch einem Menschen nur geben kann: Frieden. Ein anderer Frieden als jener, der uns heute täglich mit verlogenen Worten gereicht wird und der es uns ermöglicht, ruhiggestellt vom Fernsehsessel aus zu beobachten, wie wieder das tausendfach geschieht, was Grenztruppen, NVA und ihre Vorgängerformationen 40 Jahre lang verhinderten: Krieg von deutschem Boden aus.
Manchmal wirkt das kleine Wort »Danke« zu klein für all das, was es fassen soll. So ist es, wenn wir euch Grenzsoldaten »Danke« sagen.
Unentdecktes Land e.V.
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